Mit dem Gummischlauch ins Herz

„Das Datum des Tages, an dem das alles geschah, weiß ich nicht mehr. Ich kann mich nur daran erinnern, dass es ein schöner sonniger Tag im Frühsommer war.“ So beschreibt Werner Forßmann in seiner Biografie den Tag, an dem er mit seinem waghalsigen Selbstversuch die medizinische Herzdiagnostik für immer verändern sollte. 

Krankhaus Auguste-Viktoria-Heim in Eberswalde

Krankhaus Auguste-Viktoria-Heim in Eberswalde

Quelle: Familienarchiv Forssmann

Im Jahr 1929 ist Werner Forßmann als junger Assistenzarzt im Krankhaus Auguste-Viktoria-Heim in Eberswalde tätig. Die Arbeit ist hart, oft muss er Tag und Nacht durcharbeiten. Dennoch herrscht unter den Kollegen eine offene Atmosphäre. „Das war genau das Klima, das gute Ideen zum Reifen bringen kann“, beurteilt Forßmann die Situation. Während der vielen Nachtschichten beschäftigt ihn die Frage, wie man die Untersuchung des Herzens verbessern kann. Neben dem Röntgenbild sind das Abklopfen und Abhören des Herzens sowie die Elektrokardiographie zum Aufzeichnen der Herzimpulse zu dieser Zeit die einzigen Möglichkeiten in der Herzdiagnostik. Doch diese Methoden reichen nicht aus, um eine umfassende Diagnose stellen zu können. Forßmann ist sich dieser Unzulänglichkeiten in der Kardiologie bewusst und überlegt, wie man einen neuen Zugang zu dem Organ bekommen könnte.

In Forßmann reift die Idee, dass man mithilfe eines Katheters das Innere des Herzens untersuchen könnte. Bisher hat man das noch nie an einem lebenden Menschen ausprobiert. Er stellt zahlreiche Überlegungen an, setzt sich mit Lehrbüchern und Arbeiten zur Physiologie auseinander. „Aus dem immer wieder erörterten Für und Wider ergab sich schließlich der Entschluß zur Tat, der Tat, die mein Schicksal wurde.“ Im Frühsommer fasst er sich schließlich ein Herz und trägt seine Idee dem Chef der Klinik, Sanitätsrat Schneider, vor. Wie zu befürchten war, lehnte der Santitätsrat ab: „So leid es mir tut, für einen solchen Versuch kann ich Ihnen keinen Patienten zur Verfügung stellen.“ Also entschließt Forßmann kurzerhand: „Gut, dann werde ich die Gefahrlosigkeit eben anders beweisen, und zwar mit einem Selbstversuch.“

Werner Forßmann mit seiner Frau Elisabeth bei der Auswertung eines Röntgenbildes in seiner Praxis in Bad Kreuznach Anfang der 1950er Jahre

Werner Forßmann mit seiner Frau Elisabeth bei der Auswertung eines Röntgenbildes in seiner Praxis in Bad Kreuznach Anfang der 1950er Jahre
Quelle: Familienarchiv Forssmann

Nun muss alles heimlich vonstattengehen. In den nächsten Wochen plant er das Experiment bis ins kleinste Detail. Mit einer List organisiert er sich sterile Instrumente, nutzt die ruhige Zeit während der Mittagspause und schließt sich in den kleinen Operationssaal der Klinik ein. Im Handumdrehen öffnet er die Vene an seinem linken Arm und schiebt sich über diesen Zugang einen gut geölten Blasenkatheter in seinen Körper. Mit dem Schlauch im Arm läuft er zum Röntgenzimmer. Auf dem Durchleuchtungsschirm prüft er den Sitz des Katheters und schiebt ihn weiter, bis er die rechte Herzkammer erreicht. „Als dokumentarischen Beweis ließ ich Röntgenaufnahmen machen.“

Röntgenbild zur Dokumentation der Herzkatheteruntersuchung, der Katheter reicht bis in die rechte Herz-Vorkammer

Röntgenbild zur Dokumentation der Herzkatheteruntersuchung, der Katheter reicht bis in die rechte Herz-Vorkammer
Bildquelle: Forßmann, Werner: Die Sondierung des rechten Herzens, in: Klinische Wochenschrift, Nr. 45, 1929.

Die Röntgenbilder werden zusammen mit einer Beschreibung seines Selbstversuchs im November 1929 in der Fachzeitschrift „Klinische Wochenschrift“ veröffentlicht. Zu dieser Zeit arbeitet Forßmann bereits an der Berliner Charité und hofft, dass er dort seine Forschungen zur Herzkatheteruntersuchung weiter vorantreiben kann. Allerdings stößt die neue Untersuchungsmethode zunächst auf wenig Resonanz in der Fachwelt. Der berühmte Chirurg Ferdinand Sauerbruch urteilt sogar: „Mit solchen Kunststücken habilitiert man sich in einem Zirkus und nicht an einer anständigen deutschen Klinik.“ Wie sehr sich Sauerbruch täuschen sollte.

Produktbroschüre des Angiographen aus dem Jahr 1951

Produktbroschüre des Angiographen aus dem Jahr 1951

Erst ab den 1950er Jahren kommen Herzkatheteruntersuchungen gezielt zum Einsatz – zum Bespiel zur Untersuchung von Herzrhythmusstörungen sowie zu Messungen des Blutdruckes und der Sauerstoffsättigung in den Herzkammern. Außerdem können mit einem Katheter Kontrastmittel gezielt ins Herz eingeführt werden, um die Kammern und Herzkranzgefäße auf dem Röntgenbild deutlicher sichtbar zu machen. Eines ist dabei unverzichtbar– die Röntgenkontrolle. Bereits 1950 stellt Siemens mit dem Angiograph sein erstes spezielles System vor, das die Möglichkeit bietet, den Katheter auf seinem Weg durch die Blutgefäße bis ins Herz auf einem Leuchtschirm zu beobachten und den Durchlauf von Kontrastmitteln durch die Gefäße zu dokumentieren.

Werner Forßmann bei der Verleihung des Medizinnobelpreis, 1956

Werner Forßmann bei der Verleihung des Medizinnobelpreis, 1956
Quelle: Familienarchiv Forssmann

Heute gehört die Herzkatheteruntersuchung zur gängigen Praxis und eine Vielzahl an kardiologischen Erkrankungen kann damit nicht nur diagnostiziert, sondern auch direkt behandelt werden. Den Grundstein dafür hat Werner Forßmann mit seinem waghalsigen Selbstversuch gelegt. 1956 wird er für die erste Herzkatheteruntersuchung mit dem Medizinnobelpreis belohnt.


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