„Der Röntgen ist wohl verrückt geworden“


Wilhelm Conrad Röntgen

Wilhelm Conrad Röntgen im Jahr 1900
Quelle: Deutsches Röntgen-Museum

Das 19. Jahrhundert ist die große Zeit der wissenschaftlichen Sensationen. Nie zuvor in der Geschichte wurde so viel entdeckt und erfunden, gemessen und kartographiert. Beinahe täglich berichten die Zeitungen von erstaunlichen Erkenntnissen und neuartigen elektrischen Apparaten. Gegen Ende des Jahrhunderts fahren in den Städten erste motorisierte Straßenbahnen, elektrische Laternen beleuchten Straßen und Gassen, die Menschen fahren mit Aufzügen, telegraphieren Nachrichten und lassen sich fotografieren. In einer solchen Zeit lassen sich die Menschen – so sollte man meinen – von keiner weiteren Neuigkeit allzu sehr verblüffen. 

Doch im Jahr der ersten Filmvorführung, 1895, entdeckt der Würzburger Physikprofessor Wilhelm Conrad Röntgen ein Phänomen, das so sonderbar ist, dass zunächst niemand so recht daran glauben kann. Die Londoner Zeitung „Standard“, die einen der ersten Berichte zu Röntgens Entdeckung druckt, schließt ihren Artikel mit den Worten: „Die Presse versichert ihren Lesern, dass es sich bei der Entdeckung weder um einen Witz noch um Humbug handelt, sondern um die ernste Arbeit eines ernsthaften deutschen Professors.“

Gewichtssatz grüne Karte

Das „Schattenbild“ eines Gewichtssatzes im Inneren eines Kästchens
Quelle: Röntgen-Gedächtnisstätte Würzburg

Die Nachricht über Röntgens Entdeckung, die sich Anfang Januar 1896 auf der ganzen Welt verbreitet, muss für die Zeitgenossen tatsächlich unglaublich klingen. Die Tagesblätter berichten, dem Würzburger Professor sei mit einer neuen Art „Licht“ gelungen, „Metallgewichte in einer geschlossenen Holzschachtel sowie eine menschliche Hand zu fotografieren, wobei sich nur die Knochen zeigen, während das Fleisch unsichtbar ist.“ Viele Wissenschaftler reagieren mit Kopfschütteln, andere tun die Nachricht als Scherz eines „Spaßvogels“ ab. Selbst Röntgens guter Freund, der Berliner Physikprofessor Otto Lummer, scheint sich zunächst sehr über seinen Kollegen zu wundern: „Der Röntgen war doch sonst immer ein vernünftiger Mensch, und Fastnacht ist auch noch nicht.“

Als Wilhelm Conrad Röntgen am 8. November 1895 zum ersten Mal die von ihm so genannten X-Strahlen beobachtet, glaubt auch er zunächst selbst, „das Opfer einer Täuschung zu sein.“ Kristalle, die bei einem seiner Experimente mit Gasentladungsröhren zufällig in der Nähe liegen, beginnen in der Dunkelheit des Labors grün zu leuchten. Licht kann nicht die Ursache sein, denn die Röhre ist von schwarzem Papier umwickelt. Röntgen legt Holz, Papierhefte und ein rund 1.000 Seiten dickes Buch zwischen Kristalle und Röhre, doch nichts davon kann die geheimnisvollen Strahlen aufhalten. Als er schließlich seine Hand in die Strahlen hält, macht er die wohl aufregendste Entdeckung seines Lebens: Auf dem Leuchtschirm sieht er die Schatten seiner Handknochen!

Labor Röntgen

Der Ort der Entdeckung der X-Strahlen: Röntgens Labor an der Universität Würzburg
Quelle: Deutsches Röntgen-Museum

Röntgen behält seine Entdeckung zunächst für sich. Er zieht sich zurück – und wird in den folgenden Wochen kaum noch gesehen. Niemand weiß, was im Labor des Professors vor sich geht. Seine Assistenten stehen vor verschlossen Türen; seine Frau Bertha durchlebt, wie sie später erzählt, eine „schreckliche Zeit.“ Röntgen kommt zu spät und schlecht gelaunt zum Essen, spricht dabei kaum noch und rennt sofort danach zurück ins Labor. Bald lässt er sogar sein Bett in sein Arbeitszimmer bringen, und seine Frau bekommt ihn manchmal tagelang nicht zu Gesicht. Bertha erhält auf ihre Fragen, was denn los sei, zunächst keine Antwort. Erst auf ihr Drängen hin deutet Röntgen an, er tue etwas, „von dem die Leute, wenn sie es erfahren, sagen würden, der Röntgen ist wohl verrückt geworden.“

Was in diesen Wochen hinter Röntgens verschlossener Labortüre vorgeht, hätte er seinen Zeitgenossen in der Tat wohl nur schwerlich glaubhaft machen können: Röntgen „durchleuchtet“ eine Holzspule und macht den darin versteckten Draht auf einer Fotographie sichtbar, er liest im Inneren einer verschlossenen Metallbüchse die Himmelsrichtung auf einem Kompass ab, und – um ein besonders merkwürdiges seiner zahlreichen Experimente zu nennen – er blickt durch eine geschlossene Tür in den Nebenraum seines Labors, indem er dort einen Leuchtschirm aufstellt. Werfen Sie selbst einen Blick in Röntgens Labor und erfahren sie mehr über seine Versuche in unserem Video „Wilhelm Conrad Röntgen“ aus dem Jahr 1968.

Hand grüne Karte

Das aufsehenerregendste der ersten Röntgenbilder: Bertha Röntgens Handknochen mit Ehering
Quelle: Deutsches Röntgen-Museum

Ende Dezember 1895, nach sieben Wochen unentwegter Arbeit, ohne einer Menschenseele von den X-Strahlen zu erzählen, beschließt Röntgen, seine Entdeckung zu veröffentlichen. Er schreibt die Abhandlung „Über eine neue Art von Strahlen“ und legt ihr als Beweis einige „Schattenbilder“ bei – wie Röntgen die Aufnahmen in Anlehnung an die Lichtbilder der Fotografie nennt. Das aufregendste dieser Bilder entsteht am 22. Dezember 1895. Röntgen bittet Bertha, ihre Hand auf eine Fotoplatte zu legen, durchleuchtet sie 15 Minuten lang mit X-Strahlen und nimmt damit eines der bekanntesten Fotos der Welt auf: Bertha Röntgens Handknochen mit dem Ehering, der um ihren Finger zu schweben scheint. 

Die anfängliche Skepsis der Wissenschaftler schwindet schnell – aus einem einfachen Grund: In fast allen Physiklaboren dieser Zeit stehen ähnliche Apparate, wie sie Röntgen benutzt hat. Seine Experimente lassen sich somit ohne großen Aufwand nachstellen und bestätigen. Bereits Mitte Januar 1896 befindet sich die Welt im „Röntgenfieber“. Alles Denkbare wird durchleuchtet: Geldbörsen, Mumien, Möbel – und vor allem der menschliche Körper.

Nobelpreis Urkunde Röntgen

Am 10. Dezember 1901 erhält Röntgen den ersten je verliehenen Nobelpreis für Physik.
Quelle: Deutsches Röntgen-Museum

Die Röntgentechnik entwickelt sich innerhalb weniger Jahre, wie die Delegierten des ersten Deutschen Röntgenkongresses 1905 bemerken, „in allen Spezialfächern der Menschenheilkunde ein unersetzliches Hilfsmittel.“ Auch Wilhelm Conrad Röntgen zeigt sich von den Entwicklungen begeistert. Die Teilnehmer des Röntgenkongresses lässt er per Depesche wissen, „dass ich mit Bewunderung und Freude erfüllt bin, über das was die Arbeit anderer aus der Entdeckung der Röntgenstrahlen gemacht hat.“ Die zahlreichen Fortschritte und Anwendungsmöglichkeiten der ersten zehn Jahre sind in der Tat erstaunlich – doch die Entwicklung hat damit gerade erst begonnen...